Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg

23.06.2003

Verbotene Gesten auf dem Leipziger Hauptbahnhof

"Übung im nichtbestimmungsgemäßen Verweilen", so nannte sich die "Aufführung" des Radioballets Ligna aus Hamburg, an der man gestern im Leipziger Hauptbahnhof teilnehmen konnte. Das "nichtbestimmungsgemäße Verweilen" ist mittlerweile auf allen Bahnhöfen verboten; das Radioballett wollte diese Gesten wieder zurückbringen, das Hand aufhalten für Almosen, das Sitzen auf dem Boden, das Rauchen und das Liegen. Nicht als Versammlung, sondern als Zerstreuung: Alle ca. 400 TeilnehmerInnen waren verteilt auf dem Bahnhof und empfingen über ein eigenes Transistorradio Empfehlungen für Gesten, die dann in einer "unheimlichen" Stille verstreut über den ganzen Banhof stattgefunden haben. Eine künstlerische Aktion, die durch Verwirrung auf das Verschwinden öffentlicher Räume aufmerksam macht.


Kommentare

24.06.2003, 11:49 Uhr von Traveller

Tolle Aktion

Hallo LSH, wieso erfährt man davon nicht früher? Hätte gerne mitgemacht (komme aus der Nähe von L.E.). War früher auch oft auf InterRail, da wurde überall und immer auf Bahnhöfen geschlafen. Wie sollte man sich sonst den Urlaub finanzieren, als Studi. Letztens auf dem Kasseler Bahnhof durfte ich mich noch nicht mal auf den Boden setzen und auf meinen Anschlusszug warten. Leider waren aber die meisten Bänke abgebaut. Wo also hin? Ich versteh deswegen "anonym" nicht: was stört ihn daran? Wieso findet er es gut, dass der Bahnhof exklusiv wird? In Portugal kann man immer noch auf dem Bahnhof schlafen, in Leipzig nicht.

24.06.2003, 10:22 Uhr von Antonym

Zum Shoppen auf dem Bahnhof

Vielleicht ist das Betteln auch verboten, weil dort eingekauft wird, denn Einkaufen kann man (fast) überall, Bahnfahren nur am Bahnhof. Will heissen, der Bahnfahrer hat keine Alternative zum Bahnhof, der Konsument schon. Im übrigen, von welchem Schreckensszenario wird hier eigentlich gesprochen: Hunderte von Bettler und Obdachlose, die auf den Bahnsteigen herumlungern und den Bahnreisenden verdriesen? Wo hat man das gesehen. Was stört eigentlich an jemanden der bettelt oder raucht?

23.06.2003, 17:02 Uhr

zu Antonym

Zu deiner anderen Frage: Auf dem (Leipziger) Bahnhof werden die Bahnreisenden nicht mit den Shoppenden konfrontiert, als dass die Reisenden sich durch die Einkaufswütigen durchschlängeln müssten. Vielmehr sind die Bereiche getrennt. Anders aber beim Betteln und Rauchen. Gerade ersteres hat vielfach Unmut bei den Bahnreisenden ausgelöst. Die Bahn hat gerade auch deshalb reagiert. Soll man ihr dies zum Vorwurf machen?

23.06.2003, 16:27 Uhr von Antonym

Re: Verbotene Gesten auf dem Leipziger Hauptbahnhof

Ein Bahnhof ist auch warm, bietet Schutz vor Wind und Regen, dort sind viele Menschen. Ein wichtiger Ort für Leute, die kein zuhause haben, auf der Straße leben oder eben vom Betteln leben müssen. Nicht umsonst waren früher Bahnhöfe auch immer orte für Suppenküche und Bahnhofsmission. Andere Frage: Wieso stört dich eigentlich nicht, dass Leute zum Shoppen aufm Bahnhof herumrennen? Meines Erachtens auch keine notwendige Funktion. Wieso dann Betteln und Rauchen?

23.06.2003, 16:00 Uhr

Re: Verbotene Gesten auf dem Leipziger Hauptbahnhof

Ein Bahnhof hat die Funktion, mit dem Zug fahren und neuerdings auch "shoppen" zu können. Warum sollen diejenigen, die dies beanspruchen (müssen), mit Bettelei und Raucherei konfrontiert werden? Ist denn der Bahnhof zwingend der Ort der sozialen Konfrontation ausgetragen auf dem Rücken der Bahnreisenden?