Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg

11.02.2007

Kriminalgeographie, das Risiko negativer Bilder und der Igel

Im Rahmen einer EU-Gesamtstudie sind u.a für Berlin Verbrechensschwerpunkte und solche ermittelt worden, an denen man sich besonders unsicher fühlt. Wenn hiergegen u.a. eingewendet wird, die gefühlte Sicherheit habe nichts mit tatsächlicher Kriminalität zu tun, man solle sich bei derartigen Karten eher an die Kriminalstatistiken halten, so geht dieser Einwand mit Sicherheit ins Leere. Denn die Evaluation der Kriminalitätsfurcht ist gerade ein wichtiger ergänzender Baustein zu den Hellfeldstatistiken. Dies insbesondere auch deshalb, weil die Furcht vor Kriminalität und die Reaktion hierauf ebenso eine gravierende Beeinträchtigung des Einzelnen darstellt.

Die Probleme liegen vielmehr an anderer Stelle. Dies haben u.a. Jasch und ich in einem Beitrag zur "Kriminalgeographie und Furcht in ostdeutschen Städten" am Beispiel der zunehmend leerstehenden Plattenbausiedlungen ausgeführt (MschrKrim 84 [2001], 67 ff.).

Ein paar Stichworte an dieser Stelle: Sicherlich ist nicht die Raumstruktur allein die Ursache für Kriminalität und Kriminalitätsfurcht, sondern auch die Unterbringung spezifischer Personengruppen, die soziale Desorganisation und die stärkere Mobilität in sozialen Randschichten in diesen Gebieten. Umgekehrt erscheint es aber auch plausibel, dass der für die Vermeidung abweichenden Verhaltens maßgebliche Prozess der Sozialisation (des Kindes) durch die Wohnbedingungen und die Bedingungen der Umgebung mitbestimmt wird.

Gerade in den häufig als besonders gefährlich ausgewiesenen Gebieten ist die Mobilitätsrate besonders groß. Forschungsergebnisse sind daher nur sehr kurze Zeit "haltbar" und müssten in kurzen Abständen durch Replikationsstudien aktualisiert werden.

Fraglich ist des Weiteren, ob die Kenntnis von Furchtschwerpunkten allein für kriminalpolitische Initiativen auf kommunaler Ebene schon weiterführend ist. Ein ausschließlich quantitativer Zugang zu dem Problem macht selbst als Planungsgrundlage nur wenig Sinn. Wie nützlich für lokale Entscheidungsträger ist letztlich die Aussage allein, in dem Gebiet A würden sich x Prozent der Menschen, in dem Gebiet B nur z Prozent fürchten? Lokale Furchtforschung muss vielmehr mit den Interviewpartnern aller Altersgruppen ins Gespräch darüber kommen, welche Situationen, Straßenzüge, Hauseingänge furchtauslösend sind und warum dies der Fall ist. Über diesen Bereich der situativen Furchtforschung hinaus kann die kriminalgeographische Forschung aufgrund der Komplexität des Phänomens Kriminalitätsfurcht und angesichts der geschilderten Umbruchsentwicklung heute kaum verlässliche Ergebnisse liefern.

Selbst bei einer derart ausgerichteten Forschung aber wird man sich wohl darauf einstellen müssen, wenig mehr als das ohnehin vorhandene Alltagswissen der lokalen Akteure zu reproduzieren - ein Ergebnis, das schnell an der Verhältnismäßigkeit zwischen Forschungsaufwand und -nutzen zweifeln lassen kann.

Ein weiterer Aspekt lokaler Kriminalgeographie, der als ein ”Risiko der negativen Bilder” bezeichnet werden könnte, soll nicht außer acht gelassen werden. Eine – wie beschrieben – nervöse Situation, in der schnelle Veränderungen möglich sind, kann durch in Lokalmedien präsentierte lokale Kriminalgeographie im Sinne einer self fulfilling prophecy verstärkt werden. Dies muss insbesondere für die Kriminalitätsfurcht als ein soziales, rationaler Argumentation aber nicht immer ohne weiteres zugängliches Faktum gelten. Ist Kriminalitätsfurcht existent, genügt der schlichte Hinweis auf deren Irrationalität nicht. Die Frage ist also zu stellen, welchen Sinn es macht, irrationale, aber existente überproportionale Kriminalitätsfurcht in einem bestimmten Stadtteil zu thematisieren, wenn Gelassenheit die aus der Sicht kommunaler Kriminalprävention angemessene Alternative wäre. Jede sorglose Publikation von Daten würde das Risiko in sich bergen, über die Medien weiter pauschaliert zu werden. Stadteile würden auf diese Art und Weise stigmatisiert, obwohl diese es nicht verdient hätten, und wären ohnmächtig sich ständig verschlechternden kriminalgeographischen Werten ausgesetzt.


Kommentare

11.02.2007, 21:19 Uhr von rh

Warum Igel?

Weil man wie der Hase immer zu spät mit irgendwelchen Erkenntnissen zur Kriminalgeographie ist. Schon hat sich wieder alles gewandelt.