Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg

12.06.2008

Freiwilliger Fingerabdruck

Freier Wille, freiheitliche demokratische Grundordnung und freiwilliger Fingerabdruck. Eine schöne Reihe, die das Herz von Bürgerrechtlerinnen und -rechtlern höher schlagen lässt. Es wird wohl keinen obligatorischen Fingerabdruck in Personalausweisen geben. Das trotzte nach Pressemitteilungen unsere Justizministerin Frau Zypries unserem Innenminister Herrn Schäuble ab.

„Freiwillig“, ein wirklich schönes Wort. Aber ohne den Allmachtsfantasien einiger Neurowissenschaftlerinnen und –wissenschaftler das Wort reden zu wollen, es gibt Dinge, die man freiwillig nennt, die es aber nicht immer so ganz sind. Das gilt beispielsweise für den freiwilligen Massengentest, vielleicht auch für das freiwillige Tragen einer Fußfessel und eben vielleicht auch für den freiwilligen Fingerabdruck in Ausweisen. Dabei muss die Freiwilligkeit nicht immer durch äußeren Druck eingeschränkt sein, vielmehr spielen auch ganz subtile Anpassungstendenzen, Bequemlichkeit und ein trügerisches Sicherheitsgefühl eine entscheidende Rolle.

Es bleibt dabei. Ein Kompromiss ist nicht gut, nur weil er ein Kompromiss ist.


Kommentare

20.06.2008, 17:42 Uhr von Filtor

Paternalistische Zwangsbeglückung

wäre eine (unsympathische) Möglichkeit, mit dieser Situation umzugehen, eine andere wäre Resignation (wie sie Adorno oder Foucault nahelegen). Gibt es eine dritte, bessere?

13.06.2008, 16:27 Uhr von rh

Erweiterung der unterkomplexen Mikroperspektive

Soll heißen: Wir trauen dem Individuum nicht mehr, weil er subtil der Möglichkeit beraubt wurde, sich frei zu entscheiden. Das scheint auch für mich der (einzige) Weg zu sein, den Einzelnen zu seinem Glück zu zwingen. - Er bleibt aber gefährlich, weil plötzlich andere das Glück bzw. das zu Erstrebende definieren und die Unterkomplexität nicht als Maxime des persönlichen Handelns akzeptiert wird.

12.06.2008, 14:19 Uhr von Filtor

Die "Freiwilligkeit"

ist allgemein Knackpunkt einer Bürgerrechtspolitik, die das autonome Individuum ohne Weiteres vom Ideal (?) zum real existierenden Bezugspunkt macht. Um ein wirklich schwieriges Beispiel zu nennen (also nicht "freiwilligen" Verzicht auf Datenschutz durch Payback-Kunden): Die bürgerrechtliche Forderung nach einer Legalisierung der (aktiven) Sterbehilfe leidet m. E. darunter, dass ihre Anhänger in der Regel den gesellschaftlichen Kontext völlig ausblenden, in dem der kranke Mensch hier und heute seine Entscheidung treffen soll. Schon unterhalb der Schwelle des Drucks, etwa durch überforderte Angehörige, beginnen nämlich die "subtilen Anpassungstendenzen" an bestimmte gesellschaftliche Erwartungshaltungen. Könnte (wie die Fußfessel) ein Fall sein, in dem man die unterkomplexe Mikroperspektive zu erweitern hat.