Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg

03.04.2020

Lernt doch zu Haus!

Die in sozialer Hinsicht nicht Privilegierten haben bei Corona schlechte Karten. Das ist nicht gerade eine umwerfende These. Denn sie haben grundsätzlich schlechte Karten. Und dies gilt insbesondere auch beim häuslichen Lernen.

Während derzeit lustige Videos überforderter Väter an der Seite ihrer Kinder beim gemeinsamen Lernen kursieren, sieht die Realität in ärmeren und damit in aller Regel auch gleichzeitig bildungsfernen Familien weniger erheiternd aus.

Zunächst einmal gibt es in unserem fiktiven Vergleichsvideo ein paar Protagonisten weniger. Denn die Eltern arbeiten überraschenderweise meist nicht im Home-Office, sondern als Reinigungspersonal oder Pfleger außer Haus. Handys und Spielkonsolen sind zwar vorhanden, nicht aber Tablet oder Notebook, über die digitale Lernangebote angemessen genutzt werden könnten. Vielleicht sind auch Erwachsene vor Ort, sie bevorzugen aber häufig ihre Muttersprache, die nicht Deutsch sein muss. – Das ist Ihnen alles ein wenig zu klischeehaft? Das ist leider vielfach die Realität.

Sofern es sich bei den Kindern um eher leistungsschwache Schülerin und Schüler handelt, was in diesem angedeuteten Teufelskreis nicht selten der Fall ist, haben sie zu Hause kindgemäß Probleme, ihren Tag zu strukturieren und schulischen Belangen den notwendigen Stellenwert einzuräumen. Für diese Strukturen, nicht aber als Ersatz für die Lehrkräfte, könnten die Eltern eine unterstützende Funktion haben.

https://strafrecht-online.org/taz-homeschooling

Wie verbesserungsbedürftig die Schule auch sein mag, sie federt soziale und herkunftsbedingte Ungleichheiten ab, sie ordnet den Tag, sie fordert und fördert ihre Schülerinnen und Schüler. Sofern diese zu Hause mit den erwähnten widrigen Umständen klarkommen müssen, wird die Schließung der Schule die Schere zwischen bevorzugten und sozial benachteiligten Kindern weiter auseinandergehen lassen.

Das zeigt sich bereits beispielhaft am so bezeichneten summer learning loss, wonach Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern nach den Sommerferien weniger Kompetenzen zeigen als davor. Sozio-ökonomisch privilegierte Kinder hingegen haben häufig ganz neue Eindrücke gewinnen können.

In einer Situation, in der neue Strukturen und Angebote mit einem geeigneten Equipment verarbeitet und umgesetzt werden müssten, wird es um weit mehr als einen verlorenen Sommer für diejenigen gehen, für die die Schule eine Chance sein sollte und selbst unter den gegenwärtigen Bedingungen bereits ist.

https://strafrecht-online.org/zeit-homeschooling [kostenloses Probeabo erforderlich]


Kommentare

03.04.2020, 11:11 Uhr

Danke, dass Sie auf diese Problematik aufmerksam machen! Aber ich denke, es lässt sich auch ganz gut auf die Universitäten und die Situation, in der sich manche Studierende befinden, übertragen. Wenn man zB die Frist für die Hausarbeiten nimmt, die nun relativ kurz angesetzt wurde, wenn man es von der Bibliotheksöffnung her betrachtet. Für jemanden, der viel auf die Bib und die dort zur Verfügung gestellten Möglichkeiten angewiesen ist, wird es nicht so leicht werden. Aber wie gesagt, es ist klasse, dass Sie dieses Thema ansprechen!