Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg

Vortragsveranstaltung TACHELES

Lesung und Vortrag „Der Fall Mollath“

Referent

  • Dr. Gerhard Strate

Veranstaltungsbericht

16. Juli 2015, 20:00 Uhr, Kollegiengebäude I – Raum 1098

Vielleicht kann man Gustl Mollath als eine schillernde Persönlichkeit bezeichnen. In eine solche Charakterisierung mischen sich Respekt und Ehrfurcht mit Distanz und Unbehagen. Man weiß eben nicht so recht, was man von einer solchen Person halten soll bzw. wie sie sich im nächsten Moment verhalten wird.

Gustl Mollath witterte einen Schwarzgeld- und Geldwäscheskandal, in den seine Frau und weitere Mitarbeiter der HypoVereinsbank verstrickt waren und der ihn verzweifeln ließ. Vielleicht war er aber auch verrückt und eine Gefahr für seine Frau oder jedenfalls ein paar Autoreifen. 

Diese Frage zu entscheiden ist Sache der Justiz, und es steht viel auf dem Spiel, so oder so. Das Landgericht Nürnberg-Fürth hat am 8. August 2006 die Unterbringung von Gustl Mollath in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet. Sieben Jahre später wird er auf Anordnung des Oberlandesgerichts Nürnberg in Freiheit entlassen. Im Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens ist Gustl Mollath am 14. August 2014 durch das LG Regensburg von allen gegen ihn erhobenen Vorwürfen freigesprochen worden.

Gustl Mollath aber ist noch nicht zufrieden. Er ist eine schillernde Persönlichkeit.

Auch Gerhard Strate hebt sich von seinen Elite-Kollegen ab. Bei den meisten hat sich der Groll gegen das System der staatlichen Herrschaftsstabilisierung über das Strafrecht im Laufe der Jahrzehnte deutlich und gewinnmaximierend fokussiert. Man belässt es dabei, die eigene Mandantschaft der Mächtigen als eine solche herauszustellen, die definitiv nichts mit der Strafjustiz zu tun haben dürfe. Gerhard Strate hingegen stören nach wie vor auch die Schieflagen. Und so musste der damalige Vorstandsvorsitzende der HSH-Nordbank, Dr. No, auf seine Anzeige hin ein Strafverfahren vor dem Landgericht über sich ergehen lassen.

Gerhard Strate und Gustl Mollath haben zusammengefunden, aber sie sind aufgrund ihrer Eigenheiten natürlich keine Freunde geworden. Gerhard Strate hat sich ohnehin nur wenig Freunde gemacht, als er das Urteil des Landgerichts Nürnberg-Fürth als Unrechtsurteil brandmarkte und der forensischen Psychiatrie strukturelles Versagen vorwarf: weil sie in ihrer omnipotenten Weltsicht jede Regung des Andersseins als maßregelrelevante Auffälligkeit registriere, weil sie ohne Skrupel im Wege der Ferndiagnose Menschen in der Psychiatrie verschwinden lasse, um sich zum Schutze der Allgemeinheit nichts vorwerfen lassen zu müssen, weil man schließlich aus Trägheit heraus nicht mehr bereit sei, diese Anordnung einer kritischen Revision zu unterziehen.

Beachtliche 150 Zuhörerinnen und Zuhörer hatten das Glück, im Rahmen der vom Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht und der Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union (HU) veranstalteten Vortragsreihe Tacheles von Gerhard Strate einen authentischen Einblick in den Fall Mollath zu erhalten. Er trug aus seinem Buch mit dem gleichnamigen Titel vor, er brachte in Exkursen seine Enttäuschung über selbstgerechte Richter, Gutachter frei von Selbstzweifeln und hurtige Rechtsfindung auf dem Weg in den Urlaub zum Ausdruck und ging auf differenzierte Fragen aus dem Publikum ein, die die ganze Komplexität des Falles in beeindruckender Weise widerspiegelten.

Die beunruhigende Erkenntnis am Ende des Abends: Gustl Mollath hat vielleicht sogar noch Glück gehabt, weil er sich nicht seinem Schicksal ergab und einen kämpferischen Unterstützer fand. In psychiatrischen Krankenhäusern sind derzeit rund 6.500 Menschen untergebracht ...