Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg

Abgrenzung Handlung/Nichthandlung

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Handlung; Nichthandlung; Verhalten; Handlungslehre; Handlungsbegriff; kausal; sozial; final; negativ; personal

Problemaufriss

Anknüpfungspunkt des Strafrechts ist das mit sozialschädlichen Folgen verbundene menschliche Verhalten. Tatbestandsmäßig im Sinne eines bestimmten Deliktstyps kann dabei nur sein, was auch Handlung im Sinne des Strafrechts ist.

Beispiel: A und B gehen durch die Stadt. Plötzlich schubst A den B, so dass dieser in eine Schaufensterscheibe fällt, die zu Bruch geht. Hat sich B wegen Sachbeschädigung gem. § 303 strafbar gemacht?

Problembehandlung

Die Anforderungen an den Handlungsbegriff des Strafrechts sind stark umstritten.

Ansicht 1: Die kausale Handlungslehre sieht die Handlung als jede Veränderung der Außenwelt durch willkürliches Verhalten, sei es ein die Veränderung verursachendes Tun oder ein sie verursachendes Unterlassen (Baumann/Weber/Mitsch/Eisele/Eisele Strafrecht AT, 12. Aufl. 2016, § 9 Rn. 3 ff.; Schönke/Schröder/Eisele StGB, 29. Aufl. 2014, Vor §§ 13 ff. Rn. 26; Beling Lehre vom Verbrechen, S. 17).

Kritik: Das Spezifische der menschlichen Handlung ist nicht etwa die sinnentleerte Kausalität des Willens, sondern die den Kausalverlauf objektiv gestaltende Finalität (= Zweck/Bestimmung/Zielgerichtetheit einer Tätigkeit) des Handelns.

Ansicht 2: Nach der finalen Handlungslehre ist Handeln die Ausübung einer zweckgerichteten Tätigkeit. Die Finalität des Handelns beruhe darauf, dass der Mensch auf Grund seines Kausalwissens die möglichen Folgen seines Tätigwerdens in bestimmtem Umfange voraussehen, sich darum verschiedenartige Ziele setzen und sein Tätigwerden auf diese Zielerreichung hin planvoll lenken könne (Münchener Kommentar StGB/Freund, 3. Aufl. 2017, Vor § 13 Rn. 10 ff.; Sch/Sch/Eisele StGB, Vor §§ 13 ff. Rn. 28/29; Welzel Das deutsche Strafrecht, 11. Aufl. 1969, S. 33).

Kritik: Die finale Handlungslehre reicht als Grundlage des Strafrechts nicht aus, da der Mensch sich nicht bei jeder Betätigung zunächst der Finalität seines Verhaltens bewusst ist. Das Strafrecht knüpft jedoch bei den Fahrlässigkeits- und Unterlassungsdelikten auch an diese, vom Unterbewusstsein bestimmten, Verhaltensweisen an.

Ansicht 3: Die soziale Handlungslehre beschreibt die Handlung als sozialerhebliches menschliches Verhalten (Jescheck/Weigend Strafrecht AT, 5. Aufl. 1996, S. 222 ff.; Wessels/Beulke/Satzger Strafrecht AT, 46. Aufl. 2016, Rn. 133, 136 f.). Verhalten sei dabei jede Antwort des Menschen auf eine erkannte oder wenigstens erkennbare Situationsanforderung durch Verwirklichung einer ihm zu Verfügung stehenden Reaktionsmöglichkeit. Sozialerheblich sei ein Verhalten zudem dann, wenn es das Verhältnis des Einzelnen zu seiner Umwelt betreffe und diese durch seine Auswirkungen berühre (Sch/Sch/Eisele StGB, Vor §§ 13 ff. Rn. 33/34).

Kritik: Die soziale Handlungslehre verlässt durch das Einfügen einer Handlungserwartung die vortatbestandliche Stufe, da sich soziale und rechtliche Bewertung kaum trennen lassen. Die Frage der Sozialerheblichkeit überschneidet sich folglich beispielsweise mit der Frage der objektiven Zurechnung. Einen den Tatbeständen vorgelagerten Systemoberbegriff kann der soziale Handlungsbegriff daher nicht bieten.

Ansicht 4: Die Vertreter der personalen Handlungslehre sehen dagegen die Handlung als jede Persönlichkeitsäußerung, die sich einem Menschen als seelisch-geistiges Aktionszentrum zuordnen lässt (Roxin Strafrecht AT I, 4. Aufl. 2006, § 8 Rn. 44 ff.; Systematischer Kommentar StGB/Rudolphi/Jäger [August 2014], Vor § 1 Rn. 30 ff.).

Kritik: Der personale Handlungsbegriff knüpft ausschließlich an die Persönlichkeit an und erfasst damit zu weitgehende Ereignisse ohne soziale Relevanz. Zum anderen können strafrechtlich relevante Verhaltensweisen im Bereich der Fahrlässigkeitsdelikte bei Unkenntnis der Gefahrenlage nicht als Persönlichkeitsäußerung verstanden werden.

Ansicht 5: Die Vertreter der negativen Handlungslehre bezweifeln gegenüber den oben dargestellten Ansätzen die Möglichkeit, für aktives Tun und Unterlassen einen gemeinsamen Oberbegriff zu finden. Ausreichend sei es vielmehr, Mindestvorrausetzungen des Handlungsbegriffes aufzustellen. Handeln sei daher das vermeidbare Nichtvermeiden des strafrechtlich relevanten Geschehens (Herzberg Die Unterlassung im Strafrecht und das Garantenprinzip, 1979, S. 174 ff.). Dabei wird die Vermeidbarkeit der Nichtvermeidung auf die Fähigkeit zur Gegensteuerung gegründet (Behrendt Die Unterlassung im Strafrecht, 1979, S. 130 ff.).

Kritik: Das Abstellen auf die Möglichkeit zur Gegensteuerung bringt keinen Erkenntnisgewinn, da für Unvermeidbares strafrechtlich ohnehin nicht zu haften ist. Die Vermeidbarkeit eines strafrechtlich relevanten Erfolges ist dabei jedoch nicht eine Frage der Handlung sondern der Zurechnung.

15.06.2017