Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg

Grundsätzliche Abgrenzung des Wahndelikts vom untauglichen Versuch

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Wahndelikt; Versuch; untauglicher Versuch; Abgrenzung; umgekehrter Verbotsirrtum; umgekehrter Subsumtionsirrtum; umgekehrter Erlaubnisirrtum; Strafbarkeitsirrtum

Problemaufriss

Wie sind Wahndelikt und untauglicher Versuch voneinander abzugrenzen? Welche Konstellationen sind beim Wahndelikt vorstellbar?

Zu den Konstellationen, in denen die Abgrenzung problematisch ist, vgl. das entsprechende Problemfeld.

Problembehandlung

Wer bei seiner Handlung irrig von Umständen ausgeht, bei deren Vorliegen er einen Tatbestand erfüllen würde begeht einen strafbaren untauglichen Versuch.

Beispiel: A hält den Baumstamm auf den er in der Dämmerung schießt irrtümlich für einen lebenden Menschen (Roxin Strafrecht AT II, 2003, § 29 Rn. 378).

Bei einem Wahndelikt nimmt der Täter hingegen irrig an, sein Verhalten falle unter eine Verbotsnorm die nur in seiner Einbildung existiert (Wessels/Beulke/Satzger Strafrecht AT, 46. Aufl. 2016, § 17 Rn. 882).

Beispiele:

  • Die Annahme nicht existierender Tatbestände als Wahrheit (sog. umgekehrter Verbotsirrtum): Der M beginnt eine Liebesbeziehung mit dem ebenfalls männlichen B in der irrigen Annahme, Homosexualität sei strafbar (Roxin Strafrecht AT II, § 29 Rn. 381).
  • Die Verkennung von Rechtfertigungsgründen (sog. umgekehrter Erlaubnisirrtum): B hält sein durch Notwehr gerechtfertigtes Verhalten für strafbar, weil er die Grenzen des Notwehrrechts verkennt (Wessels/Beulke/Satzger Strafrecht AT, 46. Aufl. 2016, Rn. 883).
  • Der Täter legt eine Norm zu seinen Ungunsten zu weit aus (sog. umgekehrter Subsumtionsirrtum): A leiht ein Buch von B und nimmt irrig an, bereits die Leihe sei geeignet, den Diebstahlstatbestand zu erfüllen (Kühl Strafrecht AT, 8. Aufl. 2017, § 15 Rn. 96 f.; BGH NJW 1959, 2173, 2174).
  • Umgekehrter reiner Strafbarkeitsirrtum: Der 16-jährige A schläft mit seiner 13-jährigen Schwester in der Annahme, er habe sich strafbar gemacht, weil er nichts von der Existenz des Strafausschließungsgrundes des § 173 III weiß (Roxin Strafrecht AT II, § 29 Rn. 382).

01.09.2017