Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg

Eintritt des Todes außerhalb des Mutterleibes

Tags

Schwangerschaftsabbruch; Unmittelbarkeit; Tod des Kindes; Tötung der Leibesfrucht; Tod außerhalb des Mutterleibes

Problemaufriss

Der Tatbestand des Schwangerschaftsabbruchs verlangt die Tötung der Leibesfrucht (ist also nicht bereits dadurch erfüllt, dass die Schwangerschaft irregulär beendet wird). Dies kann aber auch dann verwirklicht sein, wenn das Kind erst außerhalb des Mutterleibes stirbt (BGHSt 10, 5; Lackner/Kühl/Kühl StGB, 29. Aufl. 2018, § 218 Rn. 4; Rengier Strafrecht BT II, 18. Aufl. 2017, § 11 Rn. 6a; Nomos Kommentar StGB/Merkel, 5. Aufl. 2017, § 218 Rn. 40, 51).

Umstritten ist jedoch, wie die Konstellation zu behandeln ist, in der der Tod des Kindes nicht direkt nach der Geburt eintritt, sondern vielmehr mehrere Jahr vergehen und der Mensch erst dann infolge des damaligen Einwirkung durch den Täter stirbt.

Problembehandlung

Ansicht 1: Die h.M. verlangt für eine Strafbarkeit nach § 218, dass das Kind alsbald nach der Geburt stirbt (BGH NJW 1957, 191; 1959, 823, 824; BGHSt 10, 5; Lackner/Kühl/Kühl StGB, § 218 Rn. 4). Führt die Schädigung erst nach Jahren zum Tod des Kindes, so liege bloß ein Versuch des § 218 vor (Arzt/Weber/Heinrich/Hilgendorf Strafrecht BT, 3. Aufl. 2015, § 5 Rn. 28).

Kritik: Dieses Erfordernis führt dazu, dass die Frage, ob wegen vollendeten oder bloß versuchten Schwangerschaftsabbruchs zu bestrafen ist, davon abhängt, wie lange die Ärzte in der Lage sind, das Leben des Neugeborenen zu verlängern (Münchener Kommentar StGB/Gropp, 3. Aufl. 2017, § 18 Rn. 20; Schönke/Schröder/Eser StGB, 29. Aufl. 2014, § 218 Rn. 23).

Ansicht 2: Nach anderer Ansicht reicht es aus, dass das Kind lediglich infolge der Einwirkung durch den Täter stirbt und dem Täter dies nach den allgemeinen Regeln der objektiven Zurechnung zuzurechnen ist, gleichgültig, wie lange nach der Geburt der Tod eintritt (MK/Gropp, 3. Aufl. 2017, § 18 Rn. 20; Sch/Sch/Eser StGB, § 218 Rn. 23; Rengier Strafrecht BT II, § 11 Rn. 8). Dies sei auch dann gegeben, wenn sich im weit später eintretenden Tod des Kindes die der Tathandlung des § 218 anhaftende tatbestandsspezifische Gefahr verwirklicht (MK/Gropp, 3. Aufl. 2017, § 18 Rn. 20).

Kritik: Die „Lebensfähigkeit“ ist ein relativer Begriff; es muss deshalb ein enger zeitlicher Zusammenhang zwischen dem Eingriff des Täters und dem Tod des Kindes vorliegen. Führt die schädigende Handlung erst nach Jahren zum Tod des Kindes, so liegt eine wesentliche Abweichung des Kausalverlaufs vor, sodass ausschließlich wegen versuchten Schwangerschaftsabbruchs bestraft werden kann (Arzt/Weber/Heinrich/Hilgendorf Strafrecht BT, § 5 Rn. 28).

31.01.2018