Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg

07.04.2020

Corona – Ebola der Reichen?

Ist das Coronavirus nun das Ebolavirus der Reichen, das man sich in Ischgl holt und vor dem sich sogar die Favelas abschotten müssen? Oder haben wir es zumindest mit einem gleichmacherischen Virus zu tun, das über die Kategorien von Arm und Reich uninteressiert hinwegfegt?

https://strafrecht-online.org/aerzteblatt-corona

Das Gegenteil ist der Fall. Sozial benachteiligte Kinder haben unter dem Coronavirus nicht nur bei der derzeitigen Unterrichtssurrogaten in besonderer Weise zu leiden (siehe hierzu den NL vom 27.3.2020 unter IV.). Bei ihnen wie bei Erwachsenen aus dieser Schicht treten auch solche Vorerkrankungen häufiger auf, die einen schweren Verlauf von COVID-19 begünstigen.

Natürlich sind in einer kapitalistisch strukturierten Gesellschaft diejenigen privilegiert, die ihr Unternehmen von ihrem Landsitz aus zu dirigieren vermögen, die über private Verkehrsmittel verfügen und jeglichen (Risiko-)Kontakt mit dem einfachen Volk vermeiden können. Der Sozialwissenschaftler Stefan Sell spricht von einer Hierarchie der Not: „Am oberen Ende richten sich die Denkarbeiter im Homeoffice ein und hadern mit der Qualität der Videokonferenzen. […] Unten, wo die Gefahr am größten ist, stehen alle, die im Gesundheitswesen arbeiten, aber auch Polizistinnen, Feuerwehrleute, […] Kassiererinnen.“

https://strafrecht-online.org/zeit-ungleichheit

Und wenn man sich dann doch einmal am besagten oberen Ende gesundheitlich unsicher sein sollte, wird allen Beruhigungsparolen zum Trotz der Privatpatient noch immer im Vorteil sein. Erst recht wird sich das Kapital in solchen Ländern machtvoll Aufmerksamkeit verschaffen, in denen das Gesundheitssystem gänzlich vom Staat abgekoppelt ist.

Das Fazit lautet: „Soziale Benachteiligung kann tödlich sein.“ 

https://strafrecht-online.org/nd-corona-linke 

Zum Beweis wird das Coronavirus in den Zeugenstand gerufen. Aber Moment: Die Justiz hat derzeit keine rechte Lust auf Hauptverhandlungen und verlangt nach längeren Unterbrechungsfristen. Auch sie ist in der Hierarchie der Not eben recht weit oben angesiedelt.

https://strafrecht-online.org/lto-corona-stpo


Kommentare

11.04.2020, 19:38 Uhr von RH

Langsam ...

Viele Wochen war ganz überwiegend ein erschrockenes Innehalten vor einer als essenziell ausgemachten Bedrohung auszumachen, das jedes kritische Hinterfragen der gesellschaftlichen Umstände bzw. der hinzunehmenden Einschränkungen als geradezu zersetzend und unangemessen erscheinen ließ.

Langsam mehren sich jedoch die Beiträge, die das Thema dieser News aufgreifen und sich beispielsweise den Fragen von "Rassismus und Corona" (vgl. etwa den SZ-Artikel "Tödliche Ungleichheit") oder eben von "Armut und Corona" (vgl. etwa den FAZ-Artikel "Corona trifft die Armen am härtesten") zuwenden.