Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg

Atypischer Kausalverlauf

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atypischer Kausalverlauf; abnormale Konstitution des Opfers; unbeherrschbarer Kausalverlauf

Problemaufriss

Nach der Äquivalenztheorie (siehe hierzu das Problemfeld zu den Kausalitätstheorien) ist jede Bedingung, die nicht hinweggedacht werden kann, ohne dass der Erfolg in seiner konkreten Gestalt entfiele, kausale Ursache für den Erfolg. 

Beispiel: Bei einem Streit schießt A dem B in dessen Bein. B muss daraufhin von einem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht werden. An einem Bahnübergang fährt der Fahrer F ohne die Warnsignale zu berücksichtigen auf die Schienen auf. Der Krankenwagen wird dabei von dem herannahenden Zug erfasst. B stirbt noch an der Unfallstelle. War der Schuss des A kausal für den Tod des B?

Der im Beispiel beschriebene Fortgang der Tat des A ist äußerst unwahrscheinlich und wohl kaum zu erwarten gewesen. Man spricht von einem atypischen Kausalverlauf. Fraglich ist wie sich ein solcher auf die Betrachtung der Kausalität auswirkt.

Problembehandlung

Nach der oben beschriebenen conditio-sine-qua-non-Formel sind alle Erfolgsbedingungen als gleichwertig anzusehen (Wessels/Beulke/Satzger Strafrecht AT, 46. Aufl. 2016, Rn. 218).

Beispiel von oben: Die Handlung des A kann nicht hinweggedacht werden, ohne dass der konkrete Erfolg, der Tod des B, entfiele. Seine Handlung war folglich kausal. Der Unfall auf den Gleisen nach Abschluss des Täterhandelns - so unwahrscheinlich und unvorhersehbar er auch sein mag - unterbricht diese Kausalität nicht.

Die hier offenbar werdende Uferlosigkeit der Ergebnisse, wird von der Lehre der objektiven Zurechnung begrenzt: Ein Erfolg ist dem Täter dann objektiv zurechenbar, wenn sein Verhalten eine rechtlich relevante Gefahr geschaffen hat, die sich sodann im tatbestandsmäßigen Erfolg realisiert hat (Kühl Strafrecht AT, 8. Aufl. 2017, § 4 Rn. 43). Eine solche Zurechnung erscheint jedoch unter anderem dann fragwürdig, wenn der eingetretene Erfolg völlig außerhalb dessen liegt, was nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung noch in Rechnung zu stellen ist (BGHSt 3, 62). Im Erfolg realisiert sich nicht die Gefahr, die der Täter geschaffen hat, dieser Erfolg ist dann ein sogenannter Werk des Zufalls (Wessels/Beulke/Satzger, Strafrecht AT, 46. Aufl. 2016, Rn. 290).

07.09.2017