Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg

Atypischer Kausalverlauf

Tags

atypisch; Kausalität; objektive Zurechnung; zufälliger Zusammenhang; inadäquat; Kausalverlauf

Problemaufriss

Im Rahmen der objektiven Zurechnung soll zurechenbares Unrecht von schicksalhaftem Unglück abgegrenzt werden. Dabei gilt es, die ansonsten uferlose Kausalität zu begrenzen.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob dem Täter auch solche Erfolge objektiv zuzurechnen sind, die zwar durch die geschaffene rechtlich missbilligte Gefahr mitverursacht wurden, die sich aber nicht als Auswirkung dieser Gefahr darstellen, sondern eher zufällig eintreten.

Beispiel: Mit Tötungsabsicht verletzt der Täter das Opfer mit einem nicht lebensgefährlichen Messerstich. Auf dem Weg ins Krankenhaus erleidet der Rettungswagenfahrer einen Herzinfarkt, woraufhin es zu einem Verkehrsunfall kommt. Durch den Zusammenstoß mit einem anderen Auto stirbt das Opfer.

Problembehandlung

Durch den Messerstich hat der Täter zwar die rechtlich missbilligte Gefahr des Todeseintritts geschaffen, jedoch hat sich im konkreten Erfolg nicht die geschaffene Todesgefahr des Messerstichs, sondern eine ganz andere Gefahr verwirklicht. Aufgrund des nicht vorhersehbaren, ungewöhnlichen Geschehensablaufes kann die Auswirkung dieser Gefahr dem Täter nicht objektiv zugerechnet werden. Der Eintritt des Erfolges ist nicht Ausdruck des Übertritts der Verhaltensnorm durch den Täter; es verwirklicht sich vielmehr ein allgemeines Lebensrisiko, mit dem der Täter nicht rechnen konnte (Rengier Strafrecht AT, 11. Aufl. 2019, § 13 Rn. 62; Kühl Strafrecht AT, 8. Aufl. 2017, § 4 Rn. 61; Kretschmer Jura 2000, 267, 273). Für die Realisierung allgemeiner Lebensrisiken haftet man aber nicht strafrechtlich, obwohl man die Situation, aus der sich das allgemeine Lebensrisiko heraus entwickelt hat, kausal herbeigeführt hat

Kausal, aber eben nicht objektiv zurechenbar ist demnach ein Erfolg, der Folge eines atypischen Kausalverlaufs ist. Atypisch ist ein Geschehensablauf jedenfalls dann, wenn er völlig außerhalb dessen liegt, was nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung zu erwarten ist (Rengier Strafrecht AT, § 13 Rn. 62).

Anders wäre der Fall jedoch dann zu beurteilen, wenn der Unfall des Krankenwagens gerade deswegen aufgetreten wäre, weil es angesichts der erheblichen Verletzungen des Opfers erforderlich war, besonders schnell mit Blaulicht und Sirene zu fahren und rote Ampel nicht zu beachten. In diesem Fall ist der Todeseintritt keine Folge eines allgemeinen Lebensrisikos, sondern eine Verwirklichung der gerade vom Täter gesetzte rechtlich missbilligte Gefahr.

18.02.2021

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