Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg

Atypischer Kausalverlauf

Tags

atypisch; Kausalität; objektive Zurechnung; zufälliger Zusammenhang; inadäquat; Kausalverlauf

Problemaufriss

Im Rahmen der objektiven Zurechnung soll zurechenbares Unrecht von schicksalhaftem Unglück abgegrenzt werden. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob dem Täter auch solche Erfolge objektiv zuzurechnen sind, die von ihm zwar durch die Schaffung einer rechtlich missbilligten Gefahr für das geschützte Rechtsgut mitverursacht wurden, die sich aber dennoch nicht als Auswirkung dieser Gefahr darstellen, sondern eher in zufälligem Zusammenhang mit ihr eintreten?

Beispiel: Mit Tötungsabsicht verletzt der Täter das Opfer mit einem nicht lebensgefährlichen Messerstich. Auf dem Weg ins Krankenhaus erleidet ein Sanitäter einen Herzanfall, woraufhin er die Bare mitsamt des Opfers fallen lässt. Daran stirbt das Opfer.

Problembehandlung

Durch den Messerstich hat der Täter zwar die rechtlich missbilligte Gefahr des Todeseintritts geschaffen, jedoch hat sich im konkreten Erfolg nicht die durch den Messerstich geschaffene Todesgefahr, sondern eine ganz andere Gefahr verwirklicht. Aufgrund des nicht vorhersehbaren, ungewöhnlichen Geschehensablaufes kann aber die Auswirkung dieser Gefahr dem Täter nicht objektiv zugerechnet werden. Der Eintritt des Erfolges ist nicht Ausdruck des Übertritts der Verhaltensnorm durch den Täter; es verwirklicht sich vielmehr ein allgemeines Lebensrisiko, mit dem der Täter nicht rechnen konnte (Rengier Strafrecht AT, 8. Aufl. 2016, § 13 Rn. 62; Kühl Strafrecht AT, 8. Aufl. 2017, § 4 Rn. 61; Kretschmer Jura 2000, 267, 273). Für die Realisierung allgemeiner Lebensrisiken haftet man aber nicht strafrechtlich, mag man auch die Situation, aus der sich das allgemeine Lebensrisiko heraus entwickelt hat, kausal herbeigeführt haben.

Objektiv nicht zurechenbar ist also ein Erfolg, der Folge eines atypischen Kausalverlaufs ist. Atypisch ist ein Geschehensablauf jedenfalls dann, wenn er völlig außerhalb dessen liegt, was nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung zu erwarten ist.

Anders wäre der Fall jedoch dann zu beurteilen, wenn der Unfall des Krankenwagens gerade deswegen aufgetreten wäre, weil es angesichts der erheblichen Verletzungen des Opfers erforderlich war, besonders schnell mit Blaulicht/Sirene zu fahren und rote Ampel etc. nicht zu beachten. In diesem Fall ist der Todeseintritt keine Folge eines allgemeinen Lebensrisikos, sondern es verwirklicht sich in ihm gerade die vom Täter gesetzte rechtlich missbilligte Gefahr.

03.11.2017