Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg

Vorhersehbarkeit

Tags

Tatbestand; Objektiver Tatbestand; Objektive Zurechnung; atypischer Kausalverlauf

Problemaufriss

Der Täter muss durch seine Handlung eine rechtlich missbilligte Gefahr geschaffen haben, die sich im tatbestandlichen Erfolg konkret niederschlägt. Nur dann ist dem Täter der konkrete Erfolg objektiv zurechenbar. Die objektive Zurechnung kann und muss jedoch in den Fällen verneint werden, in denen der in Gang gesetzte Kausalverlauf im weiteren Geschehen derart von dem im Rahmen der normalen Lebenserfahrungen Erwartbaren abweicht, dass mit ihm nicht mehr gerechnet zu werden braucht. Es muss also ein sog. atypischer Kausalverlauf vorliegen (Wessels/Beulke/Satzger Strafrecht AT, 46. Aufl. 2016, Rn. 289; BGHSt 3, 62)

Wann genau dies der Fall ist, ist fraglich.

Beispiel: A schlägt den B mit der Faust gegen den Kopf. Dieser geht zu Boden und muss ärztlich versorgt werden. Als die Sanitäter ihn ins Krankenhaus bringen wollen, fällt er von der Trage, bricht sich das Genick und stirbt.

Problembehandlung

Im Rahmen der Vorhersehbarkeit müssen aus den vom Täter kausal herbeigeführten Erfolgen diejenigen ausgesondert werden, die dem Täter deswegen nicht zurechenbar sind, weil sie aufgrund unerwarteter Umstände eingetreten sind, mit denen der Täter nicht zu rechnen brauchte.

Es realisiert sich insofern ein neues, nicht durch die ursprüngliche Handlung des Täters gesetztes Risiko. Dieser kann in Situationen, in welchen unerwartet ein unbeabsichtigter Erfolg eintritt, diesen gerade nicht vorhersehen. Mit dem in Gang gesetzten Kausalverlauf kann und muss er nach seiner Lebenserfahrung nicht rechnen. Auch die Erfüllung des objektiven Tatbestandes kann insofern nicht gegeben sein. Der Erfolg ist bei völlig atypischen Kausalverläufen ein "Werk des Zufalls", eine Art Unfall, aber kein strafbares Unrecht (Wessels/Beulke/Satzger Strafrecht AT, Rn. 289; Rengier Strafrecht AT, 8. Aufl. 2016; § 13 Rn. 62; Roxin Strafrecht AT I, 4. Aufl. 2006, § 11 Rn. 78).

Einige Fallgruppen bleiben jedoch problematisch:

1. Fälle der abnormalen Konstitution des Opfers:

Beispiel (nach RGSt 54, 349 ff.): A bewirft B mit einem kleinen Stein. Dieser ist jedoch Bluter und verstirbt an den Folgen des Treffers.

Ansicht 1: Es kann darauf abgestellt werden, dass eine abnormale Konstitution, die schnell zum Tode führen kann (etwa die Bluterkrankheit, ein Aneurysma oder ein schwaches Herz), zwar selten, jedoch nicht so außergewöhnlich ist, dass damit nicht gerechnet werden muss (Jescheck/Weigend Strafrecht AT, 5. Aufl. 1996, § 28 IV 6; RGSt 54, 349; BGH NStZ 08, 686).

Kritik: Bei der objektiven Zurechnung kommt es darauf an, ob sich das vom Täter gesetzte rechtlich missbilligte Risiko im tatbestandlichen Erfolg verwirklicht. Daher ist zu fragen, ob sich wirklich das Risiko des Angriffs und nicht das der krankhaften physischen Konstitution realisiert hat. Es muss also auf den Schutzzweck der Norm abgestellt werden (Systematischer Kommentar StGB/Hoyer [Juni 2004], Anh. zu § 16 Rn. 84 f.; Rengier Strafrecht AT, § 13 Rn. 72).

Ansicht 2: Einer anderen Ansicht nach realisiert sich in diesem Fall nicht das vom Täter gesetzte Risiko, sondern die latente Gefahr durch die abnormale Konstitution des Opfers. Der Erfolg ist dem Täter also nicht zurechenbar (Rengier Strafrecht AT, § 13 Rn. 72; Wessels/Beulke/Satzger Strafrecht AT, Rn. 291; SK/Hoyer, Anh. zu § 16 Rn. 84 f.).

Kritik: Der Täter muss sein Opfer eben so nehmen, wie es ist.

2. Fälle der psychisch vermittelten Kausalität:

Beispiel (nach BGHSt 48, 34): Asylbewerber A wird von einer Gruppe bewaffneter Neonazis verfolgt, bedrängt und massiv bedroht. Um zu entkommen, springt er durch eine geschlossene Glastür. Dabei zieht sich A schwere Verletzungen zu, denen er später erliegt.

Ansicht 1: Der Erfolg ist nicht mehr zurechenbar, wenn er unmittelbar durch das Opferverhalten oder das Eingreifen eines Dritten verursacht wird (BGH NJW 1971, 152).

Kritik: Diese Ansicht verkennt, dass eine für das Opfer gefährliche, panikartige, Flucht- Ausweich- oder Abwehrreaktion zu den typischen Gefahren eines schweren Angriffs auf die körperliche Unversehrtheit, Freiheit oder sexuelle Selbstbestimmung gehört. Die entsprechenden Tatbestände sollen auch vor dieser Gefahr schützen. Demnach setzt der Täter hier ein rechtlich missbilligtes Risiko, das sich im konkreten Taterfolg verwirklicht (Wessels/Hettinger Strafrecht BT I, 40. Aufl. 2016, Rn. 301).

Ansicht 2: Der Erfolg ist in dieser Fallgruppe objektiv zurechenbar, wenn das Verhalten des Opfers nach allgemeiner Lebenserfahrung nachvollziehbar war (vgl. Adäquanztheorie). Dann handelt es sich nicht mehr um einen nicht vorhersehbaren atypischen Kausalverlauf. Der Erfolg ist das Werk des Täters und folglich objektiv zurechenbar (Wessels/Beulke/Satzger Strafrecht AT, Rn. 292 f.; Wessels/Hettinger Strafrecht BT I, Rn. 301; BGHSt 48, 34 Rn. 36 ff.).

27.07.2017