Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg

Abergläubischer Versuch

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untauglich; ungeeignet; abergläubisch; irreale Mittel; menschliche Beherrschbarkeit; Zurechenbarkeit

Problemaufriss

Kann die Ausführung des Tatentschlusses entgegen der Vorstellung des Täters aus tatsächlichen oder rechtlichen Gründen nicht zur vollständigen Verwirklichung des objektiven Tatbestandes führen, so spricht man von einem untauglichen Versuch. Dessen Untauglichkeit kann sich aus der Untauglichkeit des Tatobjekts, des Subjekts oder der Tatmittel ergeben. Seine Strafbarkeit wird von den §§ 22, 23 III, die ein Absehen von Strafe bzw. eine Milderung vorsehen, vorausgesetzt und ist allgemein anerkannt. Grober Unverstand im Sinne des § 23 III meint dabei eine für einen Menschen mit durchschnittlichem Erfahrungswissen völlig abwegige Vorstellung von gemeinhin bekannten Ursachenzusammenhängen (Wessels/Beulke/Satzger Strafrecht AT, 46. Aufl. 2016, Rn. 880 f.).

Der abergläubische oder irreale Versuch erfolgt mit irrealen, der menschlichen Beherrschbarkeit und Verfügungsgewalt entzogenen Mitteln (Beispiele: Totbeten, Verhexen, Voodoo-Kult etc.); im Unterschied zum untauglichen Versuch fehlen dem Täter dabei keine Vorstellungen von naturgesetzlichen Zusammenhängen (Kühl Strafrecht AT, 8. Aufl. 2017, § 15 Rn. 93 f.).

Fraglich ist, wie der abergläubische Versuch zu behandeln ist.

Problembehandlung

Ansicht 1: Nach herrschender Auffassung mangelt es dem Täter in derartigen Fällen bereits an einem hinreichenden Tatentschluss (Rengier Strafrecht AT, 8. Aufl. 2016, § 35 Rn. 13) bzw. am Vorsatz hinsichtlich der objektiven Zurechenbarkeit des Erfolgs. In jedem Fall blieben die fraglichen Handlungen mangels Erschütterung des Rechtsfriedens gänzlich straflos (Studienkommentar StGB/Joecks, 11. Aufl. 2014, § 23 Rn. 8; Kühl Strafrecht AT, § 15 Rn. 93).

Kritik: Es kommt zu Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen dem untauglichen und dem abergläubischen Versuch, beispielsweise bei Betrachtung der Frage, ab welchem Grad der Ungefährlichkeit des Mittels eines Vergiftungsversuchs von einem irrealen, wann von einem grob unverständigen Versuch ausgegangen werden kann (vgl. Kühl Strafrecht AT, § 15 Rn. 94; Kudlich JZ 2004, 72, 75; Satzger/Schluckebier/Widmaier/Kudlich/Schuhr StGB, 2. Aufl. 2014, § 22 Rn. 25, die die Unterscheidung vielmehr auf historische als rationale Gründe, namentlich die Hexenprozesse, zurückführen, weshalb Hexerei o.Ä. zum strafrechtsfreien Raum erklärt würde).

Ansicht 2: Nach anderer Auffassung soll auch der abergläubische Versuch unter § 23 III fallen, mithin strafbar sein (Fischer StGB, 64. Aufl. 2017, § 23 Rn. 10).

Kritik: Das Verhalten des Täters bewirkt beim abergläubischen Versuch eher Mitleid als eine strafwürdige Erschütterung der Rechtsordnung (Kühl Strafrecht AT, § 15 Rn. 93). Wer für die Tatbestandsverwirklichung auf übernatürliche Kräfte setzt, kann das Tatgeschehen weder wollen noch beherrschen, sondern bestenfalls herbeiwünschen (Rengier Strafrecht AT, § 35 Rn. 13).

17.07.2017