<h3 style="line-height: 22.5pt; margin: 11.25pt 0cm 7.5pt 0cm;"><span style="font-family: 'Roboto Slab';">Tags</span></h3>
<p style="line-height: 19.2pt; margin: 0cm 0cm 21.0pt 0cm;"><span style="font-family: Roboto;">unmittelbares Ansetzen; Unterlassungsdelikt</span></p>
<h3 style="line-height: 22.5pt; margin: 11.25pt 0cm 7.5pt 0cm;"><span style="font-family: 'Roboto Slab';">Problemaufriss</span></h3>
<p style="margin: 0cm; margin-bottom: .0001pt; line-height: 19.2pt;"><span style="font-family: Roboto;">Wenn das unechte Unterlassungsdelikt nicht vollendet wurde, stellt sich die Frage, wann der Versuch des Unterlassungsdelikts beginnt. Auch hier gilt die allgemeine Regel des </span><a href="https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__22.html"><span style="font-family: Roboto; color: #4c9ebb;">§ 22</span></a><span style="font-family: Roboto;">. </span></p>
<p style="margin: 0cm; margin-bottom: .0001pt; line-height: 19.2pt;"><strong><span style="font-family: Roboto;">Beispiel:</span></strong><span style="font-family: Roboto;"> Zwei Züge fahren aufeinander zu. Der erste Zug passiert zunächst die Weiche 1 und kurz vor der Kollision der Züge die Weiche 2. An jeder der Weichen könnte der Zug umgeleitet und damit ein Zusammenstoß vermieden werden. Bahnwärter W verlässt in Kenntnis der Sachlage das Bahnwärterhäuschen, in dem er die Weiche umstellen kann, zu einem Moment, in dem sich der erste Zug zwischen Weiche 1 und Weiche 2 befindet. Eine Kollision der Züge kann durch die aufmerksamen Lokführerinnen in letzter Sekunde verhindert werden.</span></p>
<h3 style="line-height: 22.5pt; margin: 11.25pt 0cm 7.5pt 0cm;"><span style="font-family: 'Roboto Slab';">Problembehandlung</span></h3>
<p style="margin: 0cm; margin-bottom: .0001pt; line-height: 19.2pt;"><strong><span style="font-family: Roboto;">Ansicht 1:</span></strong><span style="font-family: Roboto;"> Teilweise wird der Versuchsbeginn bereits in dem Zeitpunkt angenommen, in dem der Garant die <strong style="mso-bidi-font-weight: normal;">erste</strong> zur Erfolgsabwendung taugliche <strong style="mso-bidi-font-weight: normal;">Maßnahme unterlässt</strong> (<em>Schröder,</em> JuS 1962, 81).</span></p>
<p style="margin: 0cm; margin-bottom: .0001pt; line-height: 19.2pt;"><strong style="mso-bidi-font-weight: normal;"><span style="font-family: Roboto;">Zum Beispiel: </span></strong><span style="font-family: Roboto;">W hätte in dem Moment zum Unterlassen angesetzt, als der Zug die Weiche 1 passierte.</span></p>
<p style="margin: 0cm; margin-bottom: .0001pt; line-height: 19.2pt;"><strong><span style="font-family: Roboto;">Kritik:</span></strong><span style="font-family: Roboto;"> Der Versuchsbeginn wird zu weit vorverlagert: Ist erst die erste Rettungsmöglichkeit verstrichen, erscheint das Tatobjekt regelmäßig noch nicht unmittelbar gefährdet. Außerdem gelangt man so zu einer strengeren Haftung gegenüber den Begehungsdelikten, bei denen das Tatobjekt bei Versuchsbeginn regelmäßig bereits unmittelbar gefährdet sein muss (<em>Roxin</em> Strafrecht AT II, 2003, § 29 Rn. 281 ff.).</span><span style="font-family: Roboto;"> </span></p>
<p style="margin: 0cm; margin-bottom: .0001pt; line-height: 19.2pt;"><strong><span style="font-family: Roboto;">Ansicht 2: Nach anderer Ansicht liegt</span></strong><span style="font-family: Roboto;"> das unmittelbare Ansetzen in dem Augenblick, in dem der Garant die <strong style="mso-bidi-font-weight: normal;">letzte</strong> zur Erfolgsabwendung taugliche <strong style="mso-bidi-font-weight: normal;">Maßnahme</strong> <strong style="mso-bidi-font-weight: normal;">verstreichen</strong> lässt (<em>Welzel</em> Das Deutsche Strafrecht, 11. Aufl. 1969, S. 221). </span><span style="font-family: Roboto;"> </span></p>
<p style="margin: 0cm; margin-bottom: .0001pt; line-height: 19.2pt;"><strong style="mso-bidi-font-weight: normal;"><span style="font-family: Roboto;">Zum Beispiel: </span></strong><span style="font-family: Roboto;">Das unmittelbare Ansetzen in dem Zeitpunkt, in dem der erste Zug die Weiche 2 passiert, da das die letztmögliche Rettungshandlung für W darstellt. </span><span style="font-family: Roboto;"> </span></p>
<p style="margin: 0cm; margin-bottom: .0001pt; line-height: 19.2pt;"><strong><span style="font-family: Roboto;">Kritik:</span></strong><span style="font-family: Roboto;"> Der Versuchsbeginn wird zeitlich zu weit nach hinten verlagert. Ein Rücktritt vom Unterlassungsversuch wäre so überhaupt nicht mehr denkbar. Überhaupt lässt diese Ansicht für einen Unterlassungsversuch nur einen engen Raum: Der Unterlassungsversuch wäre nur noch als untauglicher oder fehlgeschlagener Versuch denkbar (<em>Kühl</em> Strafrecht AT, 8. Aufl. 2017, § 18 Rn. 147).</span></p>
<p style="margin: 0cm; margin-bottom: .0001pt; line-height: 19.2pt;"><strong><span style="font-family: Roboto;">Ansicht 3:</span></strong><span style="font-family: Roboto;"> Die <strong style="mso-bidi-font-weight: normal;">herrschende Meinung</strong> (<em>Roxin</em> Strafrecht AT II, § 29 Rn. 286; <em>Wessels/Beulke/Satzger</em> Strafrecht AT, 54. Aufl. 2024, Rn. 1227 f.; Lackner/Kühl/Heger/<em>Heger</em> StGB, 30. Aufl. 2023, § 22 Rn. 17) nimmt einen vermittelnden Standpunkt ein. Der Versuch des Unterlassungsdelikts beginne <strong style="mso-bidi-font-weight: normal;">spätestens</strong>, wenn das Tatobjekt <strong style="mso-bidi-font-weight: normal;">unmittelbar gefährdet</strong> erscheint. Gibt der Täter <strong style="mso-bidi-font-weight: normal;">zuvor</strong> aber die Möglichkeit eines rettenden Eingriffs und das Geschehen damit "<strong style="mso-bidi-font-weight: normal;">aus der Hand</strong>", so liege darin bereits das unmittelbare Ansetzen zum Unterlassungsdelikt. Ab dann lasse der Täter dem Geschehen seinen Lauf. </span></p>
<p style="margin: 0cm; margin-bottom: .0001pt; line-height: 19.2pt;"><strong style="mso-bidi-font-weight: normal;"><span style="font-family: Roboto;">Zum Beispiel: </span></strong><span style="font-family: Roboto;">In dem Moment, in dem der Bahnwärter sein Häuschen verlässt, habe er unmittelbar angesetzt.</span></p>