Bei dem Beitrag von Roland Hefendehl handelt es sich um eine Auskopplung aus unserem Newsletter vom 16.10.2026.
Wir hoffen sehr darauf, dass sich z.B. über unsere Kommentar-Funktion eine intensive Diskussion ergeben wird.
Sarah Tacke, die machtvolle ZDF-Antwort auf den ARD-Rechtsexperten Frank Bräutigam, hat es nach ihrer Selbstdarstellung in der Süddeutschen Zeitung mit der Dokumentation „System Bürgergeld: Leben ohne Leistung?“ geschafft, „sehr nah an ein Dunkelfeld heranzukommen. Wir konnten Missbrauchsmöglichkeiten und strukturelle Schwächen des Bürgergeldsystems sichtbar machen. […] Uns ist es gelungen, Stimmen und Einblicke zu bekommen, die normalerweise kaum zugänglich sind. Das ist journalistisch ein echtes Pfund.“
https://sz.de/li.3515023 [kostenfrei über UB]
Und der Dank hierfür? Teilweise heftige Kritik aus dem linken Spektrum sowie eine Programmbeschwerde des Vereins Sanktionsfrei wegen Mangels an Sachlichkeit und Ausgewogenheit. Der Film habe einzelne extreme Betrugsfälle stark in den Mittelpunkt gerückt, ohne diese ausreichend statistisch und wissenschaftlich einzuordnen.
https://sanktionsfrei.de/programmbeschwerde
https://strafrecht-online.org/welt-tacke
Natürlich hat sich Intendant Norbert Himmler sogleich schützend vor sein Juwel geworfen. Ziel des Films sei es nicht gewesen, „Menschen im Bürgergeldbezug pauschal zu bewerten oder zu stigmatisieren, sondern unterschiedliche Perspektiven und Konfliktlinien sichtbar zu machen und journalistisch einzuordnen.“ Keine Pauschalkritik und keine Stigmatisierung. Der Wahnsinn!
Sarah Tacke bleibt trotz dieser ehrenvollen Rückendeckung verstimmt. Ihr erschließt sich bis heute nicht, „warum das Benennen solcher Missbrauchsmöglichkeiten oder struktureller Schwächen als politische Haltung gewertet wird.“
Versuchen wir es also gerne noch einmal. Wer es sich bislang auf dem roten NDR-Sofa, dem Inbegriff süffigen Boulevard-Journalismus, bequem machen durfte, hat ein wenig Nachsicht verdient. Auch das SZ-Interview war von der Art her leider nicht groß anders aufgebaut und hatte eher den Charakter eines Steigbügelhalters für weitere Karriereinteressen.
Sarah Tacke spricht bezeichnenderweise von „einem Dunkelfeld“, an das sie herangekommen sei, und meint hierüber doch nur einen Einzelfall. Damit wandelt sie auf dem von ihr offensichtlich besonders geliebten Metier von True Crime, nicht mehr und nicht weniger. Die kriminologische Kärrnerarbeit der Hell- und Dunkelfeldforschung samt ihrer Problematisierung und Relativierung scheint sie demgegenüber nicht sonderlich zu interessieren. Und genau das ist vom Verein Sanktionsfrei hervorgehoben worden.
Wie in allen gesellschaftlichen Bereichen sind natürlich vereinzelt Missbräuche auszumachen, sie prägen aber das Feld des bis vor kurzem einschlägigen Bürgergeldbezugs nach derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht. Und diese Einschätzung geht bis in den Bereich des Ausnutzens „struktureller Schwächen“ hinein, den Sarah Tacke ausgemacht haben will und der gemeinhin der OK zugeschrieben wird.
Und das Dunkelfeld? Es ist natürlich wie in jedem anderen Delinquenzbereich existent. Aber nicht einmal Sarah Tacke dämonisiert es, weil sie sich ja mit Anekdoten begnügt. Und wir haben aufgrund vielfältiger und immer weiter perfektionierter Kontrollmitteilungen und einer Vielzahl von Kontrollinstanzen Zweifel, dass dieses Dunkelfeld beim unberechtigten Bezug von Sozialleistungen besonders stark ausgeprägt ist.
Warum man vor diesem Hintergrund den Fokus auf den Bereich der Sozialleistungen und seiner „strukturellen Schwächen“ durchaus politisch einordnen kann, liegt schlicht in dem Umstand begründet, dass es konservative und insbesondere im extremen rechten Lager anzusiedelnde politische Kräfte sind, die die Sozialleistungsempfangenden neben den sog. Ausländern als die unsere Gesellschaft zersetzenden und ausbeutenden Feinde auserkoren haben. Linksorientierte Partei- NL vom 16.10.2026 - 5 - en hingegen suchen nach Wegen, das Sanktionsinstrumentarium gegen die Machtlosen in unserer Gesellschaft abzuschwächen, das ja neben dem Strafrecht fatalerweise auch das Sozialrecht selbst mit seinen einschneidenden Kürzungsoptionen umfasst.
Wenn bei einem derartigen auf Aufmerksamkeit schielenden Journalismus dann auch noch individuelle Opfer als Kollateralschäden zu beklagen sind, die ihren Job verlieren, sind wir wieder bei Jan Böhmermann angelangt, der über einen seiner weiteren Berufe als „Rechts- und Ordnungshüter ohne Mandat“ mit seinen „Recherchen“ auch schon mal Polizeibeamte in die Strafbarkeit trieb.
https://strafrecht-online.org/nl-2022-07-01 [VI.]
Ein wenig scheinen sich beide zu ähneln, die Eitelkeit jedenfalls ist ihnen jeweils zu eigen.
Geschadet hat diese Episode oder eben Anekdote den Karriereinteressen von Sarah Tacke übrigens nicht. So ist ihr als Sommervertretung der zumindest beim ZDF hochgeschätzten Maybrit Illner ein neues Format angetragen worden. Und Sarah Tacke wäre nicht Sarah Tacke, wenn sie mit ihrer Voodoo-Kriminologie nicht gleich weitermachen würde. So geht sie auf die Straße, wo sie eine „Umfrage“ machen will. Es gehe ihr eben um Daten und Fakten, so wie sie diese interpretiert. Und während der Sendung werden fortwährend irgendwelche weiteren Befragungen von Menschen durchgeführt, die nicht rechtzeitig geflüchtet sind.
Da wird es selbst der Sarah Tacke überaus gewogenen Carolin Gasteiger von der SZ ein wenig zu bunt: „Also eine Umfrage zum Thema vor und nach der Sendung? Solche Mitmach-Aktionen wirken oft wie ein Feigenblatt. Man möchte das Publikum einbeziehen, bewegt sich aber an der Oberfläche.“
Wir antworten mal für Sarah Tacke: So ist es, und mit Kriminologie hat dies alles rein gar nichts zu tun. Ihre große Fanbase, der die Sozialhilfe ebenso ein Dorn im Auge ist, will gleichwohl ein Autogramm von ihr.
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