Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg

Auswirkung des error in persona des Tatmittlers auf die Strafbarkeit des mittelbaren Täters

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error in persona; aberratio ictus; Irrtum; Konkretisierung; Individualisierung; Fehlgehen der Tat

Problemaufriss

Beispiel: Der A beauftragt seinen als geisteskrank bekannten Bruder B, die gehasste Stiefmutter S zu erschießen. Um diese identifizieren zu können, gibt A dem B ein Foto der S mit. B tötet jedoch die kleine Schwester K, die er beim Abfeuern der Waffe für S gehalten hat.

Umstritten ist, wie sich die Objektverwechslung des B auf den mittelbaren Täter A auswirkt.

Problembehandlung

Ansicht 1: Eine Ansicht behandelt den error in persona des Vordermanns als eine aberratio ictus des Hintermanns. Denn es sei rechtlich bedeutungslos, ob eine mechanische Waffe ihr Ziel verfehle oder ob es zu einer solchen Situation beim Einsatz eines menschlichen Werkzeugs komme (Jescheck/Weigend Strafrecht AT, 5. Aufl. 1996, § 63 III 2).

Kritik: Wenn der Tatmittler zunächst das falsche Opfer tötet und sodann zudem das richtige, müsste der Hintermann konsequenterweise mittelbarer Täter zweier Tötungen sein. Insgesamt wollte er jedoch nur eine (Roxin Strafrecht AT II, 2003, § 26 Rn. 121).

Ansicht 2: Eine andere Ansicht stellt darauf ab, ob der Hintermann dem Tatmittler die Individualisierung des Tatobjekts überlassen hat. Hat der Hintermann die Konkretisierung allein dem Tatmittler überlassen, muss er sich dessen Auswahlfehler wie eine eigene Objektverwechslung zurechnen lassen, wenn diese in den Grenzen des nach allgemeiner Lebenserfahrung Vorhersehbaren liegt (error in persona). Ist dies nicht der Fall, ist die weisungswidrige Ausführung nach den Regeln der aberratio ictus zu behandeln (Wessels/Beulke/Satzger Strafrecht AT, 46. Aufl. 2016, Rn. 792).

Kritik: Eine aberratio ictus kennzeichnet, dass der Täter die Kontrolle über den von ihm gesteuerten Geschehensablauf auf dem Weg zum Erfolg verliert und zufällig ein gattungsgleiches Objekt trifft. In diesen Fällen behält der Täter, wie bei einem error in persona, die Kontrolle über den Geschehensablauf und sieht sich erst nach dem Erfolgseintritt mit einem Irrtum über die Identität des Ziels konfrontiert. Das Treffen eines gattungsgleichen Objekts geschieht bei einer Personenverwechslung keineswegs zufällig, sondern ist in der Zielrichtung des Angriffs gleichsam angelegt. Ein aberratio ictus ist unter diesen Umständen nicht annehmbar (Kubiciel JA 2005, 694, 697).

Zum Beispiel: A gab seinem Bruder ein Bild der verhassten Stiefmutter mit. Von einer hinreichenden Konkretisierung ist somit auszugehen. Der error in persona des B ist mithin als aberratio ictus des A zu bewerten.

10.04.2017