Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg

Mittäterschaft nach Vollendung und vor Beendigung der Tat (sukzessive Mittäterschaft)

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Sukzessive Mittäterschaft; Mittäterschaft; sukzessiv; Vollendung; Beendigung; nachträglich

Problemaufriss

Umstritten ist die Frage, bis zu welchem Zeitpunkt es einem Beteiligten noch möglich ist, seinen Tatbeitrag zu erbringen, um Mittäterschaft zu begründen. Dieses Problem tritt v.a. in Konstellationen hervor, in denen der fragliche Beteiligte erst nachträglich in die bereits begonnene Deliktsausführung eintritt.

Beispiel: A betrat auf seiner nächtlichen Diebestour durch eine unverschlossene Hintertür eine Lagerhalle, in der Computer aufbewahrt wurden. Nachdem er eine größere Menge von Laptops aus der Halle herausgeschafft und in einem Gebüsch zum Abtransport bereitgelegt hatte, rief A seinen Freund B an, damit dieser mit dem Wagen vorbeikomme und die Geräte abhole. B machte sich sogleich auf den Weg zur Halle, lud dort angekommen die Laptops ein und verbrachte sie zur Wohnung des A, wo sich A und B die Beute teilten.

Durch das Verbringen der Laptops aus der Lagerhalle hat A in Zueignungsabsicht fremden Gewahrsam gebrochen (vgl. Fischer StGB, 65. Aufl. 2018, § 242 Rn. 19) und damit einen Diebstahl (§ 242 StGB) begangen. Fraglich ist jedoch, ob B Mittäter dieses Diebstahls war. Dies erscheint im Hinblick auf die gemeinsame Tatausführung deshalb problematisch, weil B erst zu einem Zeitpunkt in die Tatausführung eingetreten ist, in dem A den Diebstahl bereits vollendet hatte. Es fragt sich somit, bis zu welchem Zeitpunkt ein Beteiligter seinen Tatbeitrag erbracht haben muss, damit eine Zurechnung der Tat über § 25 II StGB noch möglich ist.

Unstreitig ist eine sukzessive Mittäterschaft bis zur Vollendung des Delikts möglich (Kindhäuser Strafrecht AT, 7. Aufl. 2015, § 40 Rn. 11). Ebenso unstreitig ist eine sukzessive Mittäterschaft aber nach Beendigung der Tat auch ausgeschlossen (Roxin Strafrecht AT II, 2003, § 25 Rn. 223). Ist ein Geschehen vollständig abgeschlossen, zieht das Einverständnis des später Hinzutretenden trotz Kenntnis, Billigung oder Ausnutzung der bestehenden Lage keine strafbare Verantwortung für das bereits abgeschlossene Geschehen nach sich (BGHSt StV 2016, 106).

Problembehandlung

Ansicht 1: Auf Grundlage der Tatherrschaftslehre ist eine sukzessive Mittäterschaft nur bis zur Vollendung des Delikts möglich (Roxin Strafrecht AT II, 2003, § 25 Rn. 221; Gropp Strafrecht AT, 4. Aufl. 2015, § 10 Rn. 212; Straten­werth/Kuhlen Strafrecht AT, 6. Aufl. 2011, § 12 Rn. 88). Denn ist das Delikt im Zeitpunkt des Eintritts des fraglichen Beteiligten (hier B) bereits vollendet und das tatbestandlich umschriebene Verhalten damit abgeschlossen, kann er dieses nicht mehr beherrschen. Vielmehr ist die Beherrschung der Tat nur bis zu ihrer Vollendung möglich.

Kritik: Man könne den Erfolg einer Tat erst dann nicht mehr fördern, wenn sie ihren materiellen Abschluss gefunden hat. Auch das Prinzip materieller Gerechtigkeit spreche für die Möglichkeit einer sukzessiven Mittäterschaft: Auch der nach der Deliktsvollendung Eintretende profitiert von den Bemühungen des anderen und muss daher auch dafür strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden können.

Ansicht 2: Macht man hingegen die von der Rspr. vertretene subjektive Theorie zur Grundlage der Abgrenzung von Täterschaft und Teilnahme, so erscheint eine sukzessive Mittäterschaft auch in der Phase zwischen Vollendung und Beendigung noch möglich (BGHSt 2, 344; BGH NStZ 1984, 548; BGH NStZ 1996, 227, 228). Denn der fehlende Wille zur Tatherrschaft kann durch die übrigen Kriterien für Täterschaft (insb. ein starkes Eigeninteresse am Erfolg der Tat) überlagert werden, so dass auch nach Deliktsvollendung noch ein als täterschaftliche Begehung zu wertender Tatbeitrag vorliegen kann. Allerdings hält die Rspr. i.S.d. der subjektiven Theorie (so OLG Naumburg JA 2013, 871 ff.) für die Annahme einer sukzessiven Mittäterschaft einen kommunikativen Akt für erforderlich: Eine sukzessive Mittäterschaft ist eben nur dann gegeben, wenn jemand in Kenntnis und Billigung des von einem anderen begonnenen Handelns in das tatbestandliche Geschehen als Mittäter eingreift und er sich – auch stillschweigend – mit dem anderen vor Beendigung der Tat zu gemeinschaftlicher weiterer Ausführung verbindet. Sein Einverständnis bezieht sich dann auf die Gesamttat, somit kann ihm die gesamte Tat zugerechnet werden (BGH NStZ 2016, 211).

Kritik: Die Grundlage jeder strafrechtlichen Verantwortlichkeit ist Kausalität, an der es beim Eintritt erst nach Deliktsvollendung notwendig fehlt. Außerdem deutet die Rspr. faktisch die bloße nachträgliche Kenntnis bzw. Billigung der Tat in unzulässiger Weise in einen Willen zur Tatherrschaft um.

12.04.2017