Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg

Alternative Kausalität

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Kausalität; alternative; Mehrfachkausalität; Conditio-sine-qua-non-Formel

Problemaufriss

Ursächlich ist nach der Conditio-sine-qua-non-Formel jede Bedingung, die nicht hinweggedacht werden kann, ohne dass der Erfolg in seiner konkreten Gestalt entfiele. Fraglich ist, wie diejenigen Konstellationen zu behandeln sind, in denen mehrere unabhängig voneinander gesetzte Bedingungen zeitlich zusammentreffen und jede für sich alleine zum Erfolgseintritt ausgereicht hätte. Denn dann kann man gedanklich jede einzelne Handlung isoliert hinwegdenken und der Erfolg bliebe gleichwohl bestehen.

Beispiel: A und B geben unabhängig voneinander je eine tödliche Dosis Gift in das Getränk des C. C trinkt und verstirbt.

Man kann nun – isoliert – jeweils die Tatbeiträge des A oder des B hinwegdenken; C bleibt im Ergebnis tot. Dass das nicht richtig sein kann, liegt auf der Hand.

Problembehandlung

Die Behandlung dieser Konstellationen ist einer der Hauptkritikpunkte der Conditio-sine-qua-non-Formel. In der Tat würde ihre Anwendung dazu führen, dass keine Handlung kausal für den Erfolg wäre, da jede Ursache einzeln hinweggedacht werden könnte, ohne dass der Erfolg entfiele.

Lehnt man die Conditio-sine-qua-non-Formel wegen ihres grundsätzlich akzeptablen Ansatzes nicht in Gänze ab, so bedarf sie in diesen Fällen einer Modifizierung: Von mehreren Bedingungen, die zwar alternativ, aber nicht kumulativ hinweggedacht werden können, ohne dass der Erfolg in seiner konkreten Gestalt entfiele, ist jede erfolgsursächlich (BGHSt 39, 195; Kühl Strafrecht AT, 8. Aufl. 2017, § 4 Rn. 19; Schönke/Schröder/Eisele StGB, 29. Aufl. 2014, Vor § 13 ff. Rn. 74).

Notabene: Zu prüfen bleibt in derartigen Fällen jedoch, ob der Erfolg jedem Einzelnen objektiv zugerechnet werden kann. Im obigen Beispiel ist dies der Fall, insbesondere fehlt es nicht schon deshalb an einer Risikorealisierung, weil der Erfolg in ähnlicher oder gleicher Gestalt auch bei Fehlen der Risikoschaffung durch den jeweiligen Vergifter gleichfalls eingetreten wäre. Das kann sich in ähnlich gelagerten Sachverhalten aber anders verhalten, beispielhaft:

A, B und O sind gemeinsam in der Wüste unterwegs. A gibt Gift in die Wasserflasche des O, um diesen zu töten. In Unkenntnis dessen schüttet B die Wasserflasche des O aus, gleichfalls mit Tötungsvorsatz. O verdurstet. A hat sich nicht wegen vollendeten Totschlages/Mordes strafbar gemacht, weil der eingetretene Erfolg in seiner konkreten Gestalt auf einem dazwischentretenden, den von A in Gang gesetzten Kausalverlauf unterbrechenden Handeln des B beruht – für A also nur Versuch. B hat zwar den Tod des O verursacht, jedoch ist ihm das Verdursten objektiv nicht zuzurechnen, weil sich – objektiv – im Tod des O kein rechtlich missbilligtes Risiko realisiert hat; denn – objektiv – ist B sogar lebensverlängernd tätig geworden, indem er unwissentlich den Vergiftungstod des O abgewendet hat. Auch B fällt daher nur ein versuchter Totschlag/Mord (durch Wegschütten) zur Last.

Von dem oben dargestellten Vergiftungsbeispiel unterscheidet sich der vorliegende Fall dadurch, dass die gesetzten Ursachen sich im Hinblick auf den durch sie bewirkten bzw. zu bewirkenden Erfolg unterscheiden.

Beachte weiter: Von der alternativen Kausalität abzugrenzen sind die Fälle der kumulativen Kausalität.

08.02.2019