Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg

Faust (bzw. andere Körperteile) als gefährliches Werkzeug

Tags

gefährliches Werkzeug; Körperteile; Faust; Fuß; Kopf; Knie

Problemaufriss

Erfüllt ein Faustschlag, Kopfstoß, Kniestoß oder Fußtritt den Qualifikationstatbestand der gefährlichen Körperverletzung gem. § 224 I Nr. 2 Alt. 2 aufgrund einer Begehung mittels eines gefährlichen Werkzeugs?

Problembehandlung

Ansicht 1: Nach einer Ansicht (Hilgendorf ZStW 112 [2000], 811, 822) seien auch mittels Körperteilen begangene Verletzungshandlungen im Einzelfall dem Qualifikationstatbestand des § 224 I Nr. 2 Alt. 2 zu subsumieren. Immerhin spreche der Wortlaut von „gefährlichen Werkzeugen“, nicht aber von „gefährlichen Gegenständen“, sodass dieser einer derartigen Auslegung zugänglich sei.

Kritik: Der Zweck der strafschärfenden Qualifikation des § 224 I Nr. 2 Alt. 2 liegt darin, dass die Körperverletzung insofern eine gegenüber der einfachen Körperverletzung gesteigerte Gefährlichkeit aufweist, als sich der Täter eines körperfremden Hilfsmittels bedient. Eine Subsumtion von Körperteilen unter den Begriff des gefährlichen Werkzeugs erweist sich somit als Verstoß gegen Art. 103 II GG. So wird denn auch das gefährliche Werkzeug in ständiger Rechtsprechung als ein „Gegenstand“ definiert, der nach seiner objektiven Beschaffenheit und der Art seiner konkreten Verwendung dazu geeignet ist, erhebliche Verletzungen hervorzurufen (BGHSt 3, 105, 109).

Ansicht 2: Nach ganz herrschender Ansicht stellen Körperteile keine gefährlichen Werkzeuge i.S.d. § 224 I Nr. 2 Alt. 2 dar (BGH GA 1984, 124, 125; Arzt/Weber/Heinrich/Hilgendorf Strafrecht BT, 3. Aufl. 2015, § 6 Rn. 54; Münchener Kommentar StGB/Hardtung, 3. Aufl. 2017, § 224 Rn. 15). Zwar lasse es der strafrechtliche Sprachgebrauch durchaus zu, Menschen als Werkzeuge zu bezeichnen (so etwa bei der mittelbaren Täterschaft, vgl. Schönke/Schröder/Heine/Weißer StGB, 30. Aufl. 2019, § 25 Rn. 6). Dies stelle jedoch eine Verwendung nur im übertragenen Sinne dar; eine Übertragung des Begriffs auf die Auslegung des Tatbestandes des § 224 scheide daher aus (MK/Hardtung, § 224 Rn. 15).

Kritik: Auch tätereigene Körperteile lassen sich durchaus als Gegenstände bezeichnen. Das Unbehagen, Körperteile den Gegenständen zuzuordnen, rührt allein daher, dass der Begriff in der Regel nur für unbelebte Körper verwendet wird. Diese enge Auslegung hat die Rechtsprechung aber bereits dadurch aufgegeben, dass sie auch Tiere als „gefährliche Werkzeuge“ anerkennt (siehe hierzu BGH NJW 1960, 1022).

26.11.2019